Betrachten – Beschreiben – Bewerten

Pascal Heß zeigt Gemälde von Paula Modersohn-Becker. Foto: ML

Mit diesem Dreischritt in der Kunstbetrachtung kann man zu anderen Erkenntnissen kommen als durch ständiges Vergleichen mit dem, was in der Malerei vorher und nachher geschaffen wurde. Dies machte der Kunsthistoriker und Kunstvermittler Pascal Heß in seinem eindrucksvollen und unterhaltsamen Vortrag über Paula Modersohn-Becker in dem ausgebuchten Malersaal der Hofheimer Stadthalle vor einem höchst aufmerksamen Publikum deutlich.

Die Zuschauer folgten dem Vortragenden bei dem Experiment, sich den Mond aus dem Bild „Mond über Landschaft“ mit Hilfe des verdeckenden Daumens wegzudenken. Dadurch wurde eine letztendlich konstruierte, nicht illusionistische und sehr moderne Landschaftsmalerei sichtbar, die zugleich eine Darstellung dessen war, was die Malerin in der Natur empfunden und darzustellen versucht hatte.

Voller Wertschätzung für die Leistung von Paula Modersohn-Becker führte Heß den Zuschauer*innen Bilder der Malerin vor. Sein Vortrag gleiche einer Liebeserklärung, drückte es ein Zuschauer aus.

Das Geständnis von Pascal Heß, dass Paula Modersohn-Becker weder zu seinen Lieblingskünstlerinnen gehöre, noch dass er sich eines ihrer Bilder aufhängen würde, gehörte zu den nachdenklich machenden und erheiternden Momenten des Abends. (BMM)

Selten gespieltes Repertoire

Das Duos Saxophilie: Anne Siebrasse und Simon Hanrath. Foto: Abdullah Derea

Das war Musikgenuss auf höchstem Niveau. Das Duo Saxophilie mit Anne Siebrasse und Simon Hanrath, der für die verhinderte Regina Reiter eingesprungen war, trat zu einem Saxophon-Konzert in der Stadthalle Hofheim auf und präsentierte Kompositionen von Bach über Bartok bis Robert Buckland. Dabei kamen neben dem Altsaxophon auch das Sopransaxophon und das beeindruckend große Baritonsaxophon zum Einsatz.

Anne Siebrasse führte sympathisch durch den Abend und lieferte interessante Hintergründe zu dem selten gespielten Repertoire des klassischen Saxophons.

Jähners faszinierendes Buch

Auch Bilder erzählen eine Geschichte: Harald Jähner präsentierte auch einige Szenen aus dem Bildband „Wolfszeit“.

Erst liest Autor Harald Jähner eine halbe Stunde lang aus dem Eingangskapitel seines Buches „Wolfszeit“, dann fesselt er sein Publikum im Malersaal der Stadthalle Hofheim mit eindrucksvollen Bildern aus der Zeit zwischen 1945 und 1955 samt den kleinen Geschichten und Anekdoten dahinter.

Der frühere Feuilletonchef der Berliner Zeitung hat eine relativ wenig bearbeitete Zeitspanne der deutschen Nachkriegsgeschichte meisterhaft und mehrfach prämiert als Mentalitätsgeschichte beschrieben. In seinem Buch und dem danach erschienenen Bildband mit dem gleichen Titel versucht er darzustellen, wie und was die Menschen in dieser schwierigen, unmittelbaren Nachkriegszeit – die er „Wolfszeit“ nennt – gedacht und gefühlt haben, wie sie in dieser Trümmerlandschaft überlebt haben und wie sie mit der Überwindung der zurückliegenden Kriegs- und Gesellschaftskatastrophe versuchten, weiterzuleben. Er vermittelt dabei das Bild einer Zeit, in der nicht nur Not herrschte, sondern auch Lebensmut und Vergnügen existierte.

Viktoria Pollmann moderierte die Lesung mit Harald Jähner in der Stadthalle.

Fazit: Ein faszinierendes Buch und ein stimmiger Abend voller eindrucksvoller Impressionen und Illustrationen. Und als Moderatorin Viktoria Pollmann am Ende die Corona-gerecht mit Abstand sitzenden Zuhörer fragte, ob sie lieber Fragen stellen oder noch mehr hören wollten, wurde einhellig die Lesung gewählt – was der Autor zu Recht als Kompliment verstand!