Internationale Tage Ingelheim
10. Juni 2026
Für seine imposante LED-Box „Storm“ bei den Ingelheimer Tagen ließ sich Hiroyuki Masuyama von Zeichnungen Leonardo da Vincis inspirieren. Fotos: KV
Und wieder geht es im Juni nach Ingelheim in das kleine, feine Museum im ehemaligen Rathaus mit seinem gelungenen Erweiterungsbau. Standen die Damen im Mittelpunkt der Ingelheimer Tage 2025, so sind es dieses Jahr zwei Herren.

James McNeill Whistler (1834–1903) revolutionierte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Radierungen und Lithografien die künstlerische Grafik. Die Ausstellung im Kunstforum Ingelheim beleuchtet eben jenes faszinierende, ausgefeilte und innovative Schaffen des US-Amerikaners.
Im Rest der Welt berühmt, gilt es hierzulande, Whistler wiederzuentdecken. Im Fokus stehen Whistlers Radierungen und Lithografien mit den Ansichten von London und Venedig. Personendarstellungen aus seinem persönlichen Umfeld zeigen als weiteren Themenbereich die einfühlsame Seite des als exzentrisch geltenden Künstlers. Die ausgestellte Motivvielfalt offenbart die Meisterschaft seiner ungewöhnlichen Techniken.
Whistlers Leben war geprägt von zahlreichen Reisen, die ihm immer wieder neue Motive boten und in grafischen Arbeiten direkt vor Ort festgehalten wurden. Nach seiner Übersiedelung als 21-Jähriger von der Ostküste der USA nach Paris ließ er sich 1859 in London nieder. Über seine Kunst erkundete er die Stadt an der Themse. Reisefreudig bis ein Jahr vor seinem Tod 1903, hielt sich Whistler immer wieder länger in verschiedenen europäischen Städten auf und war deshalb ein gut vernetzter Künstler.
So lebte und arbeitete er 1879/80 über ein Jahr lang in Venedig. Oftmals von der Wasserseite aus gesehen, schuf er Radierungen von prächtigen Palästen, typischen venezianischen Brücken und besonders mit Motiven von Höfen oder Werkstätten jenseits der touristischen Attraktionen.
Zur kunsthistorischen Kontextualisierung sind Whistlers Arbeiten außerdem ausgewählte Grafiken einiger britischer, französischer und US-amerikanischer Weggefährten zur Seite gestellt. Wie andere Künstler und Künstlerinnen des Impressionismus sammelte auch Whistler japanische Holzschnitte. Seine intensive Beschäftigung damit wird im Bildaufbau seiner eigenen Werke erkennbar. Ausgesuchte Beispiele namhafter japanischer Holzschnittkünstler wie Utagawa Hiroshige, Katsushika Hokusai oder Kitagawa Utamaro flankieren daher einzelne seiner Grafiken in allen drei Themenräumen.

Hiroyuki Masuyama (geb. 1968) spannt wiederum den Bogen zur Gegenwart. Er wurde beauftragt, eigens für diese Ausstellung neue Arbeiten zu schaffen. Im vergangenen Jahr reiste der japanische Künstler deshalb nach Venedig und London. An identischen Stellen, an denen Whistler seine Grafiken radierte, nahm er Farbfotografien der gegenwärtigen Situationen auf: mit heutigen Bauten, Fahrzeugen, Schiffen oder Menschen. Die aus diesem Material neu entstandenen schwarz-weißen Arbeiten sind Montagen, in denen die aktuelle Ansicht jener Orte von Masuyama über die historischen Grafiken von James McNeill Whistler gelegt und eingepasst sind. Sie offenbaren, wie erheblich sich etwa das Themse Ufer in den rund 150 vergangenen Jahren entwickelt hat, und wie geringfügig sich dagegen die Veränderung der italienischen Lagunenstadt ausnimmt.
In diesen neuen Arbeiten visualisiert Masuyama die jüngste Version seines Hauptthemas, das sich seit 1997 durch sein künstlerisches Schaffen zieht: die Verbindung von Raum, Zeit und Veränderung. Diese aktuellen Arbeiten hängen zwischen Whistlers Grafiken aus London und Venedig. Zum tieferen Verständnis seines Kunstschaffens bildet eine Gruppe älterer Werke das vierte Kapitel mit teils begehbaren Installationen, großformatigen Lichtkästen oder filigranen Arbeiten aus Papier. Sie verbinden zwar kein konkretes Motiv mit Whistler, aber sie eint die Idee, dass sich jeder Raum – ob klein wie ein Rasenstück oder groß wie die Metropole London – mit dem Lauf der Zeit kontinuierlich, wenngleich unterschiedlich intensiv verändert.
Die Arbeiten beider Künstler sind die Einladung zu einer »Reise«, in der sich Vergangenheit und Gegenwart immer wieder berühren, durchblenden, ergänzen und zu bedeutenden Zeitdokumenten verbinden.
Mittwoch, 10. Juni 2026, 15.00 Uhr
KUNSTFORUM INGELHEIM, Altes Rathaus,
François-Lachenal-Platz 1, 55218 Ingelheim.
Kosten pro Person 12 € inkl. Führung, zahlbar direkt vor Ort am Eingang des Museums. Anmeldungen direkt bei Christine Peters per Mail an christine.peters57@web.de. Eigene Anreise, Möglichkeit von Fahrgemeinschaften nutzen.
