
Ein besonderer Roman stand im Mittelpunkt der Konzertlesung im Museum anlässlich des 87. Jahrestages der Reichspogromnacht. Die Schauspielerin Anna Staab las aus Monika Helds eindringlichem Roman „Der Schrecken verliert sich vor Ort“. Musikalisch begleitet wurde die Lesung von dem Jazzmusiker Gregor Praml, der mit seinem Cello Klanginstallationen schuf, die es den Zuhörerinnen und Zuhörern ermöglichten, die tiefgreifenden Inhalte des Textes auf eine andere Art zu verarbeiten.
Anna Staab las den Text mit einer angemessenen Nüchternheit, die dem schweren Thema gerecht wurde. Sie stellte sich ganz in den Dienst der Worte, ohne Übertreibung oder Dramatik, und erlaubte so den Zuhörern, sich auf die emotionalen und historischen Dimensionen des Romans einzulassen. Der Text wurde durch authentische Redebeiträge des Auschwitz-Überlebenden Hermann Reineck ergänzt, deren Originalaufnahmen eindrucksvoll belegten, wie tief das Trauma von Auschwitz jedes weitere Leben in ihm erschüttert hat. Reineck, der als Zeuge im Frankfurter Auschwitz-Prozess gegen seine Peiniger auftrat, konnte lange Zeit nicht über das Grauen seiner Erfahrungen sprechen. Als dies möglich war, gründete er 1979 die „Lagergemeinschaft Auschwitz / Freundeskreis der Auschwitzer“, um als Zeitzeuge von seiner Geschichte zu berichten.
Das Zusammenspiel von Staab und Praml war von einem beeindruckenden Dialog zwischen Text und Klang geprägt, der es den Künstlern ermöglichte, traumatische Erinnerungen auf eine Weise zu vermitteln, die den Zuhörern genug Raum zum Nachdenken ließ. Pramls Cello, in Verbindung mit einer Loop-Station, schuf eine erstaunliche Klanglandschaft, die den Raum mit Emotionen füllte. Das Trommeln auf dem Resonanzboden wurde zum bedrohlichen Gleichschritt, während das Zupfen der Saiten am Cellosteg die Sekunden wie einen Countdown zählen ließ – ein eindringliches Bild an die unvorstellbaren Schrecken der letzten Minuten eines Lebens. Wie kann man die Abwesenheit von Vögeln in Auschwitz hörbar machen? Auch hierfür fand Praml dystopische Klänge auf seinem Cello. Eine angedeutete harmonische Melodie berührte, weil sie die schmerzhafte Zerrissenheit und innere Spaltung des Protagonisten widerspiegelte.
Es war ein Abend, der tief bewegte und auf eindringliche Weise gegen das Vergessen antrat.
„Auschwitz bleibt ein ewiges Thema. Ich glaube nicht, dass wir aufhören sollten, uns damit zu beschäftigen,“ schrieb Margarethe Mitscherlich im Nachwort des Romans. Dieses Anliegen, das wiederholte Erzählen, ist es, was diesen Abend so wichtig machte. BMM
