Klang trifft Kunst

Sie komponierten zu den Skulturen die Musik: Von links nach rechts Yaohung Huang, Prof. Orm Finnendahl, Jiaxuan He, Byeong-Jun Nam, Zhaolong Sun, Javi Cuenca, Tingwei Jiang, Gabriele Mastrototaro und Tomás J. Ocaňa González. Fotos: BMM

Am 4. Juli wurden die fünf Skulpturen des Steinbildhauer-Symposiums 2013 in der Hofheimer Innenstadt zu Konzertorten. Studierende der Kompositionsklasse der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt unter der Leitung von Prof. Finnendahl präsentierten fünf im Auftrag des Kunstvereins entstandene Kompositionen – allesamt Uraufführungen.

Wer dabei war, erlebte eine außergewöhnliche Verbindung von Skulptur, Raum und Klang.

Die Musik ist verklungen, das besondere Erlebnis bleibt. Deshalb lassen wir an dieser Stelle die jungen Komponierenden zu Wort kommen. In ihren Texten geben sie Einblicke in ihre Auseinandersetzung mit den Skulpturen und in den kreativen Prozess, aus dem die Werke entstanden sind.

Jiaxuan He zur Skulptur Flow:

Von links nach rechts: Tomás J. Ocaňa González, Gabriele Mastrototaro, Javi Cuenca, Tingwei Jiang.

Titel: Flow
Skulptur: Michaela Biet
Komposition: Jiaxuan He
Besetzung: Flöte, Klarinette, E‐Gitarre, Percussion

Kommentar:
Ausgangspunkt meiner Komposition war die Skulptur Flow. Sie zeigt ein steinernes Gefäß, aus dem eine fließende Substanz austritt – ein flüchtiger Moment, der im Stein dauerhaft festgehalten wird. Mich interessiert die Spannung zwischen Material und Wahrnehmung: Stein steht für Beständigkeit, Fließen für Veränderung. Die Identität der fließenden Substanz bleibt offen. Entsprechend verstehe ich auch Stein, Glaskugeln, Bohnen, Holz, Metall sowie die Instrumente selbst als Materialien mit unterschiedlichen Eigenschaften. Durch Reibung, Kollision, Rollen, Atem und den Einsatz von Gitarreneffekten treten sie miteinander in Beziehung.

Die Komposition beschreibt daher keine bestimmte Flüssigkeit, sondern versteht das Fließen als einen Zustand – eine offene Bewegung, in der Materialien und Klänge fortwährend neue Verbindungen eingehen.

Said Azh zur Skulptur Towards:

Titel: Towards
Skulptur: Emanuela Camacci
Komposition: Said Azh
Besetzung: Flöte, E‐Gitarre, Benjolin (Yao‐Hung Huang)

Kommentar:
“Towards” orientiert sich an der Dreiteilung der Skulptur und durchwandert drei Phasen mit Zuständen und initiierenden Ereignissen, die sukzessiv bis zu einer Dreiteilung zunehmen oder davon abnehmen. Hierbei inspirierte mich die tierartige oder gar menschlich wirkende Krümmung der Skulptur, welche im Kontrast steht zum leblosen Material. In den Phasen des Stücks wollte ich diesen Kontrast darstellen mit Material, welches von einem simplen triolischen Motiv ausgeht und dieses in “unnatürlichen” Zuständen wiedergibt.

Der Benjolin Synthesizer spielt hierbei eine tragende Rolle durch die chaotischen und schwer vorhersehbaren Modulationen, die diesem Instrument zu Grunde liegen.

Byeong-Jun Nam zur Skulptur Abgehakt:

Titel: Unabgehakt/Abgehakt
Skulptur : Thomas Reifferscheid
Komposition: Byeong‐Jun Nam
Besetzung : Flöte, Klarinette, Schalg., E‐Gitarre.

Kommentar:
Beim Betrachten der Skulptur Abgehakt hatte ich den Eindruck, dass der Zustand des „Abgehakt‐Seins“ erstaunlich unklar ist. Bedeutet „abgehakt“ wirklich ein Ende? Oder ist „unabgehakt“ lediglich ein Zustand des Unvollendeten? Obwohl beide Begriffe scheinbar eindeutig voneinander zu unterscheiden sind, erscheinen sie mir vielmehr als unterschiedliche Momente desselben fortlaufenden Prozesses.

Dieser Gedanke vertiefte sich, als ich das Häkchen (?) selbst betrachtete. Obwohl es als Zeichen des Abschlusses gilt, wirkten seine beiden asymmetrischen Linien auf mich wie Linien, die sich in den Himmel – vielleicht sogar ins Unendliche – erstrecken. So entstand die Vorstellung, dass auch das „Abgehakt‐Sein“ kein Zustand des Stillstands, sondern der Beginn eines neuen Werdens sein könnte.

Diese Ambivalenz versuche ich musikalisch durch die Überlagerung von Gitarren‐Loops hörbar zu machen. Jeder Loop erscheint zunächst als in sich abgeschlossen, doch mit jedem weiteren Loop und mit ähnlichen, aber niemals identischen Mustern entstehen fortwährend neue Beziehungen. Wiederholung bedeutet hier nicht Stillstand, sondern ständige Entstehung. So existieren „Abgehakt“ und „Unabgehakt“ nicht als Gegensätze, sondern als Zustände innerhalb eines kontinuierlichen Prozesses.

Vielleicht endet dieses Stück niemals.

Wer müde ist, darf gern schon nach Hause gehen.

Yao‐Hung Huang zur Skulptur Erfindung des Rades:

Von links nach rechts: Tomás J. Ocaňa González, Gabriele Mastrototaro, Javi Cuenca, Yaohung Huang.

Titel: Die Erfindung des Rades
Skulptur: Ulrich Hochmann
Komposition: Yao‐Hung Huang
Besetzung: Flöte, Klarinette, E‐Gitarre, Computer

Kommentar:
Die Geschichte eines Rades: Er war ein zufälliger Stein am Flussufer. Ohne Gestalt, ohne Bedeutung, ohne Zeit. Die Menschen fanden ihn und wollten ihn wegschaffen. Doch er war zu groß. Niemand konnte ihn bewegen. Also dachten sie: „Lasst uns ihn in eine Form bringen, die sich bewegen lässt.“ Hier ein Schlag, dort ein Schlag. Der Stein verlor seine ursprüngliche Gestalt. Als sie fertig waren, rollten sie ihn. Die Zeit begann sich zu bewegen.

Zhaolong Sun zur Skulptur Change me:

Von links nach rechts: Zhaolong Sun, Gabriele Mastrototaro, Tomás J. Ocaňa González, Tingwei Jiang.

Titel: Change me
Skulptur: Ingrid Hornef
Komposition: Zhaolong Sun
Besetzung: Flöte, Klarinette, Percussion, Computer

Kommentar:
Die Skulptur Change Me hat mich vor allem durch zwei Eigenschaften zu dieser Komposition inspiriert. Zum einen fasziniert mich ihre Veränderbarkeit. Obwohl die beiden Steine nahezu identisch sind, entstehen durch ihre unterschiedliche Anordnung und die wechselnden Blickwinkel immer neue Wahrnehmungen. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Wiederholung und Veränderung bildet einen wichtigen Ausgangspunkt meiner Arbeit. Zum anderen beeindruckt mich die geometrische Form und die räumliche Wirkung der Skulptur, die zum Nachdenken über unterschiedliche Dimensionen und Perspektiven anregt.

Stein ist für mich ein Naturmaterial, das erst durch menschliche Bearbeitung zur Skulptur wird. Diesen Gedanken übertrage ich auf meine Komposition: Drei akustische Instrumente wurden aufgenommen und elektronisch weiterverarbeitet. So entsteht der Eindruck, dass zwei ähnliche, aber nicht identische Ensembles gleichzeitig spielen. Sowohl die instrumentalen als auch die elektronischen Klänge wurden gezielt bearbeitet, um eine räumliche und zugleich leicht pixelartige Klangästhetik zu erzeugen.

Besetzung:

Flöte – Gabriele Mastrototaro
Klarinette – Tomás Jesús Ocaña‐González
Percussion – Tingwei Jiang
E‐Gitarre – Javi Guenca
Computer, Benjolin – Yao‐Hung Huang